Gastkommentar
Das organisatorisch sinnvolle bestimmt die Projektziele
 
  COMPUTERWOCHE Nr. 45 vom 11.11.1994 Seite 8

Downsizing, Rightsizing und Client-Server-Konzepte beschäftigen heute die gesamte IT-Branche. Anbieter und Anwender sind gleichermaßen fasziniert von den damit eröffneten Möglichkeiten. Kostensenkung wird versprochen bei gleichzeitiger Produktivitätssteigerung. Welche Geschäftsführung, welcher IT- Manager kann ein derartiges Angebot noch ausschlagen, ohne den Job zu riskieren?

Doch Projekterfolge fallen auch bei Client-Server nicht vom Himmel. Im richtigen Leben, also außerhalb von Messen, Kongressen und Präsentationen, gelten weiterhin die alten Regeln. Vor den Preis haben die Informatik-Götter immer noch den Schweiß gesetzt. Und den Sachverstand und die soziale Kompetenz und und und ...

Downsizing-Projekte lassen sich nicht einfach mit den überkommenen Software-Engineering-Methoden bearbeiten, das ist eine erste bittere Einsicht. Andererseits existieren bisher nur relativ wenige Erfahrungen mit neuen Vorgehensweisen. Das darf jedoch kein Freibrief sein für Seiltanz ohne Netz und doppelten Boden.

Anforderungsanalyse und detaillierte Spezifikation sind auch im Client-Server-Umfeld wichtige Voraussetzungen für den Erfolg. Die Erarbeitung ist allerdings ungleich schwieriger, denn sie setzt tiefgreifendes Wissen über die Geschäftsprozesse des Anwenders voraus.

Verpatzte Client-Server-Migrationen könnten häufig werden, wenn Anbieter und Anwender nicht umdenken. Lehrgeld in Millionenhöhe ist mehr als schmerzhaft. Schwerer noch wiegt allerdings der damit verbundene Image-Verlust des Client-Server-Konzepts. Kleine und mittlere Unternehmen sind verunsichert und werden die Chance zu einer verbesserten Wettbewerbsfähigkeit vielleicht zu spät ergreifen. Und das bleibt nicht ohne negative Auswirkungen, auch auf die Lösungsanbieter.

Mit dem Client-Server-Konzept verändert sich die Aufgabenverteilung bei Projekten dramatisch. Ging es bisher vor allem darum, komplexe Anforderungen der Anwender möglichst DV- gerecht zu vereinfachen und technisch umzusetzen, so ist heute die Situation völlig verändert. Nicht das technisch Machbare, sondern das organisatorisch Sinnvolle bestimmt die Projektziele.

Erfolg oder Mißerfolg eines Client-Server-Projekts hängen entscheidend davon ab, ob sinnvolle Abläufe beim Anwender in geeigneter Weise abgebildet und unterstützt werden. Technische Aspekte haben nur noch untergeordnete Bedeutung, denn mit Client- Server ist heute technisch fast alles möglich. Nach Jahrzehnten zentraler DV-Strukturen erlebt der Anwender aus der Fachabteilung somit eine nahezu grenzenlose Freiheit. Gleichzeitig erhält er aber auch die volle Verantwortung für ihre sinnvolle Nutzung.

Für Lösungsanbieter, Softwarehäuser oder Beratungsunternehmen ergibt sich ebenfalls eine ungewohnte Situation. Projekterfolg ist nicht mehr allein durch die Lieferung des funktionsfähigen Programms definiert. Statt dessen wird erwartet, daß die internen Geschäftsabläufe optimiert und durch die Lösung unterstützt werden. Daß die Software auch zuverlässig läuft, wird als selbstverständlich vorausgesetzt.

Weder Anwender noch Anbieter sind auf diese neue Rollenverteilung vorbereitet. Beiden Seiten fehlen die nötigen Erfahrungen. Die traditionell schwierige Kommunikation zwischen Fachabteilung und Datenverarbeitung, zwischen Anwender und Lösungslieferant bricht mangels gemeinsamer Sprache völlig in sich zusammen. Chaos ist angesagt.

Was also ist jetzt zu tun? Natürlich muß sich der Anwender seiner gewachsenen Verantwortung bewußt werden. Er kann sich nicht mehr nur darauf verlassen, daß ihm ein Lösungsanbieter die bestmögliche Technik realisiert, vielmehr muß er selbst seine Ziele neu definieren und den Weg zu ihnen überwachen. Dazu benötigt er qualifizierte Unterstützung, aber eben als Beratung und nicht als Bevormundung.

Soziale Kompetenz und Fachkenntnis sind die wesentlichen Eigenschaften eines guten Coach. Im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen die am Projekt beteiligten Menschen. Er soll die Anwender in die Lage versetzen, ihren Aufgaben im Projekt gerecht zu werden.

Ganz so neu ist der Coaching-Gedanke ja nicht. Aber in der Vergangenheit ging es eben oft auch ohne. Da haben Techniker definiert, was machbar war, und die Anwender mußten die realisierten "Lösungen" in der gegebenen Form akzeptieren. Die Rollenverteilung war eindeutig, und jeder beherrschte seine Aufgaben.

In der Welt von Client-Server erhalten die Projektbeteiligten aber neue Verantwortlichkeiten, in die sie erst noch hineinwachsen müssen. Es bleibt zu hoffen, daß diese Lektion möglichst bald von der Branche gelernt wird, bevor noch mehr Porzellan zerschlagen ist.

Autor: Ingo Zank

 
         
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Dokument aktualisiert am: 13. Oktober 2000